12.02.2012 - Kumite-Lehrgang mit Detlef Krüger
Krüger in Ormesheim und die systematische Unvorhersagbarkeit
Gelegentlich hat man das Glück, bei jemanden lernen zu dürfen, der zu den Besten seines Fachs in der Welt gehört; sei es, dass man bei einem Spitzenwissenforscher studiert, bei einem Spitzenkoch in
die Lehre geht oder bei einem Spitzensportler
einen Lehrgang macht. Wie man sehr gut wird steht in Büchern.
Wie man einer der Besten der Welt wird nicht: dazu muss man die Bücherweisheit
weiterentwickeln (im Extremfall hinterfragen), um sich selbst etwas anzueignen,
was die Konkurrenz noch nicht kann. In der Wissenschaft nennt man das Theoriebildung. Kiskilää betont manchmal genüsslich: 'Das nennt man ein System'.
Wenn man nun im kleinen Saarland (es gehört anders lautenden Gerüchten zum Trotz zu Deutschland und nicht zu Frankreich) die Turnhalle des immer gastfreundlichen Shotokan-Karate-Mandelbach e.V. in
Ormesheim betritt, um bei dem leibhaftigen Doppelweltmeister im Freikampf Detlef Krüger einen Kumite-Lehrgang zu absolvieren, gesellt sich zu der üblichen Erwartung eine ungewohnte Neugier: wie zur
Hölle soll eine Theorie oder ein System des Freikampfs aussehen? Theorien und Systeme, sagen dir, was du tun sollst.
Hältst du dich daran und kennt dein Gegner das System, dann weiß er was du tun wirst. Gegen einen guten Gegener hast du dann aber schon verloren, bevor du angefangen hast.
'Krüger Deutschland' trainiert: lockeres Aufwärmtraining, einige Bahnen Sambon Zukis und dann kommt schon des Rätsels Lösung. Krüger nennt es 'Flexibilisierung'. Den bekannten und vorhersagbaren
Sambon zuki der Grundschule zerlegt er in seine Einzelteile und baut sie ganz systematisch zu zahlreichen Varianten wieder zusammen. 'Aus denen kannst du aussuchen;
je flexibler deine Technik ist, desto variantenreicher kannst du agieren und reagieren und desto schwerer sind deine Aktionen vorherzusagen.'
Krüger entwickelt die Varianten mit geradliniger Logik.
I) 3 Zukis (der erste ist ein Gyaku zuki) - Schritt
II) Zuki - Zuki- Schritt - Zuki
III) Zuki - Schritt - Zuki Zuki -
IV) klassischer Sambon zuki
V) Schritt - Kamei - Sambon zuki. Wir müssen die 5
verschiedenen Techniken alle in einer Bahn aussführen. Dann Auslagewechsel.
Liest sich einfach, ist aber schwerer als man denkt. Krüger erklärt:
'Wir üben, die bekannten Bewegungsmuster aufzubrechen. Nur so gewinnt ihr
die extra Flexibilität.'
Dann Varianten der Beinarbeit:
I) Gyaku zuki
II) Gyaku zuki - Gleitschritt mit Kizami zuki
III) Gyaku zuki - hinteres Bein ranziehen mit Kizami zuki - Schritt Gyaku zuki.
Alles in einer Bahn. Dann Auslagewechsel.
Schließlich die Varianten der Beinarbeit mit Partner. Alle Angriffe Jodan.
Krüger lässt heute immer mit offener Hand blocken. Den ersten Gyagu zuki mit
Soto Ude Uke, den Kizami zuki mit Gyaku Soto Ude Uke, den dritten wieder mit Soto Ude Uke.
Gleitschritt wo nötig; dann Auslagewechsel und das Ganze nochmal. Die Zeit der
Trainingseinheit vergeht wie im Flug. Thema Sambon zuki mit zahlreichen Variationen.
Nächste Einheit: blocken und herausdrehen. Der erste Block nicht wie gewohnt
mit der Führungshand sondern Gyaku Soto Ude Uke (wie gesagt mit offener Hand).
Krüger erklärt: ' Ihr müsst wieder die gewohnten Bewegungsmuster aufbrechen.
Und ihr müsst versuchen, Armarbeit und Beinarbeit möglichst unabhängig zu kombinieren. Aber Vorsicht, nicht alles passt zusammen.'
Aha, denkt sich der Koch: wie in der Küche. Ente mit Orange (Canard a l'Orange)
ist klassisch, aber Hummer mit Erdbeeren ist Mist. Woher weiß ich, was zusammenpasst?
Da erklärt Krüger schon systematisch:
'Achse durch den Körper: der Arm, der blockt, und das Bein, das ausweicht, bewegen sich beide mit oder beide gegen den Uhrzeigersinn'.
Dann beginnt mit Partner eine wahre Orgie im Aufbrechen von Bewegungsmustern
die ich hier nicht näher ausführe. Man agiert unter Krügers Anleitung auf Arten,
die bestens funktionieren, aber die man selbst nicht von sich erwartet.
Zum Schluss raucht einem der Kopf noch mehr als die Muskeln weh tun,
und man erkennt spätestens an dieser Stelle, dass man Flexibilisierung nicht
in einem einzigen Lehrgang lernen kann. Da wird man wohl wieder kommen müssen.
Und dann stellt sich ein frommer Wunsch ein: wie schön wäre es, ein Lehrbuch mit
Dutzenden solcher systematischer Übungseinheiten für die Königsdisziplin unserer
Kampfsportart zu haben.
Die gute Nachricht: Krüger Deutschland arbeitet daran.
Wolfgang Paul
